Zum Inhalt hüpfen

„Schwierige Situation am freien Wohnungsmarkt“

Diskussion. Steigende Mieten am freien Wohnungsmarkt und strengere Auflagen im sozialen Wohnbau verschärfen die Wohnsituation in den sozialen Randbereichen.

Die Zahl der von Wohnungslosigkeit betroffenen Menschen steigt in Wien seit Jahren an. Über die verschärfte Situation und ihre Ursachen diskutieren die Volkshilfe Wien-Wohnexpertinnen und -experten Alexandra Adam von der Wohndrehscheibe, Sabine Rauscher, Leiterin des Sozial betreuten Wohnhauses Liesing und Klaus Maurer, Abteilungsleiter betreut wohnen der Volkshilfe Wien.

In Wien steigt der Bedarf an Wohnungshilfe. Was ist hier falsch gelaufen?

Sabine Rauscher: Es ist nicht so sehr etwas schiefgelaufen, es haben sich die Umstände nur extrem verändert. Einerseits gibt es eine starke Zuwanderung nach Wien und damit steigenden Bedarf nach Wohnraum, andererseits wird leistbarer Grund in der Stadt immer knapper und damit steigen die Grundstückspreise. Da fehlen dem sozialen Wohnbau oft leistbare Flächen, auf denen man günstige Wohnungen errichten kann.

Klaus Maurer: Wien hat im internationalen Vergleich ohnehin noch eine gute Situation, da hier nach wie vor vergleichsweise günstige Genossenschaftsbauten und jetzt auch wieder Gemeindebauten errichtet werden. Allerdings wurden die Zugangsbedingungen zu Gemeindewohnungen vor drei Jahren verschärft. Gerade Menschen mit Migrationshintergrund, die noch nicht lange in Österreich sind, sind da vom Bezug ausgenommen. Für eine möglichst lückenlose Wohnungslosenhilfe haben wir einen Bedarf von 400 bis 500 Wohnungen zusätzlich pro Jahr errechnet. Wenn man am klar definierten Ziel der Stadt Wien, keine Obdachlosen in den Straßen haben zu wollen, weiterhin festhält, muss man neuen Wohnraum für alle Formen der Wohnungslosenhilfe zur Verfügung stellen.

Bedeutet das die Errichtung von zehn weiteren „Haus Liesing“-Einrichtungen?

Rauscher: Das sozial betreute Wohnen ist die Wohnform für jene Menschen, deren Perspektive auf eigenständiges Wohnen sehr schlecht ist. Für diese Menschen bieten wir in zwei Wohnhäusern in Liesing und am Gumpendorfer Gürtel rund 150 Plätze an, wo sie in Würde wohnen können. Es bedarf aber vor allem ausreichend Einrichtungen, die wohnungslosen Menschen vorher Unterstützung bieten.

„In Wien wird leistbarer Wohnraum zunehmend zu einem knappen Gut.“

– Sabine Rauscher, Sozial betreutes Wohnhaus Liesing

Alexandra Adam: Viele Betroffene kommen deswegen zu uns. Wir sind die Beratungsstelle für alle einkommensschwache Menschen in Wien, die eine neue Wohnung suchen oder akut keine Wohnung haben. Die meisten unserer Klientinnen wohnen befristet oder bei Bekannten. Da sie oft nicht über ausreichende Sprachkenntnisse und/oder das nötige Wissen verfügen, benötigen sie unsere Unterstützung am privaten Wohnungsmarkt.  Wir helfen ihnen bei der Suche in allen Angebotskanälen am freien Wohnungsmarkt. Darauf sind vor allem jene angewiesen, die erst seit kurzer Zeit in Österreich sind, da sie noch keinen Zugang zu geförderte Wohnungen oder Gemeindewohnungen haben. In akuten Fällen arbeiten wir sehr eng mit der Fachstelle für Wohnungssicherung FAWOS zusammen. Wobei ich betonen möchte, dass wir nicht als Maklerinnen arbeiten, sondern eine Mittlerrolle zwischen unseren Klientinnen und Wohnungsanbieterinnen einnehmen.

Wie viele Beratungsgespräche führen Sie derzeit jährlich durch?

Adam: Im vergangenen Jahr waren es rund 2.500 Erstberatungen. Auffällig ist dabei die hohe Zahl an verdeckter Wohnungslosigkeit, also an jenen Menschen, die quasi als Bettgeher bei Bekannten und Verwandten nächtigen. Das ist vor allem bei Menschen mit Migrationshintergrund ein weit verbreitetes Phänomen. Da hat sich aber auch teilweise eine eigene Szene entwickelt, die diesen Menschen für viel Geld Meldeadressen und Schlafmöglichkeiten vermittelt. Flüchtlinge, die ohnehin nur über wenig Geld verfügen, müssen da für ein Bett bis zu 350 Euro pro Monat bezahlen, eine Meldeadresse, die nicht unbedingt ident mit dem Ort der Schlafmöglichkeit sein muss, kostet noch einmal 75 Euro. Diese Menschen in menschenwürdige Unterkünfte zu vermitteln ist nicht einfach, da wir hier ausschließlich auf den freien Wohnungsmarkt angewiesen sind, wo die Mieten immer höher und die Befristungen immer kürzer werden.

Warum gibt es in einem der reichsten Länder der Welt nach wie vor Wohnungsnot?

Maurer: Es gibt in Österreich auch Armut. 1,4 Millionen Österreicher sind armutsgefährdet. Viele dieser Menschen können sich die Mieten am privaten Wohnungsmarkt nicht mehr leisten. Dazu kommen zahlreiche Rassismen, die vor allem Personen mit Migrationshintergrund vom Wohnungsmarkt ausschließen. Hinzu  kommen aber zunehmend auch finanzielle Probleme, die etwa Alleinerziehende beim Aufbringen der Mieten haben und in die Wohnungslosigkeit drängen. Wir betreuen diese Menschen mit „betreut wohnen“ seit 25 Jahren, genauso wie Menschen, die wegen psychischer Erkrankungen oder Suchterkrankungen in Wohnungsnot geraten sind. Die Betroffen würden den Wiedereinstieg in ein selbstbestimmtes Leben ohne unsere Hilfe oftmals nicht mehr schaffen.

„Wir brauchen bis zu 500 Wohnungen pro Jahr für die Wohnungslosenhilfe.“

– Klaus Maurer, Betreut Wohnen

Welche Hilfe bietet die Volkshilfe Wien den von Wohnungslosigkeit betroffenen Flüchtlingen an?

Maurer: Asylberechtigten helfen wir mit dem Projekt Flatstarts, wo sie bis zu eineinhalb Jahre in Startwohnungen wohnen können. Wir unterstützen die Menschen während dieser Zeit bei allen Aspekten der Integration vor allem natürlich beim Deutsch Lernen und bei der Suche nach Ausbildungs- und Arbeitsplätzen. Beim Projekt Flatworks mietet die Volkshilfe Wien Genossenschaftswohnungen an, die asylberechtigten Familien mit dem Ziel zur Verfügung gestellt werden, sie am Ende der Betreuung in Hauptmiete übernehmen zu können. Da es sich also um sogenannte „Finalwohnungen“ handelt, ist Flatworks ein Projekt, das den „Housing First“-Ansatz umsetzt. Die Absicherung der Wohnsituation hilft den Menschen auch, Qualifikationen zu erwerben, damit sie nicht im Working-Poor-Sektor hängenbleiben.

Wie viele Personen betreut die Volkshilfe Wien derzeit mit Flatworks?

Maurer: Derzeit sind es 30 Familien. Diese übernehmen dann nach rund zwei Jahren die Hauptmietverträge der Wohnungen. Bei Flatstarts, wo wir derzeit 26 Familien betreuen, enden die Mietverhältnisse ebenfalls nach rund zwei Jahren und die Personen ziehen dann in eine andere Finalwohnung. Wenn sie lange genug in Wien gemeldet waren, kann das auch eine Gemeindewohnung sein. Mit unserem neuen Projekt Housing First unterstützen wir jene Menschen mit einem akuten Wohnungs- und Betreuungsbedarf, die aber aus unterschiedlichsten Gründen keine Gemeindewohnung erhalten können. Für sie vermitteln wir Genossenschafts- und Privatwohnungen, die von den KlientInnen sofort in Hauptmiete übernommen werden.

Wie hoch ist die Erfolgsquote beim Projekt Flatworks?

Maurer: Nahezu 100 Prozent! Die betroffenen Familien sind sehr engagiert. Sie richten sich die Wohnung ganz nach eigenem Geschmack und Bedürfnis ein. Probleme wegen Mietrückständen gibt es so gut wie gar nicht, was natürlich eine Grundvorrausetzung für die Übernahme der Wohnung ist. Da wir schon im Vorfeld genau darauf achten, was sich die Familien auch mit Mindestsicherungsbezug leisten können, klappt das wirklich ganz gut.

„Die meisten unserer Klienten wohnen befristet oder bei Bekannten.“

– Alexandra Adam, Wohndrehscheibe

Ein nicht zu kleiner Teil der von Wohnungslosigkeit betroffenen Menschen in Wien benötigt soziale Betreuung, um nicht rasch wieder wohnungslos zu werden. Wie ist die Situation?

Rauscher: Die ist leider sehr durchwachsen. Die Stadt Wien unterstützt mehrere Einrichtungen mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Wichtig dabei ist die richtige Zuteilung der KlientInnen. Keine Einrichtung schafft es, mit 60 psychisch Kranken in einem Haus zurecht zu kommen. Da muss man auf eine handhabbare Mischung achten. Bei bestimmten Krankheitsbildern fährt man mit wenig Betreuung und Druck gut, bei anderen braucht es mehr Regeln. Eine Durchmischung ist hier nicht sinnvoll. Die letzten Entwicklungen zeigen, dass vermehrt jüngere Personen in die sozial betreuten Wohnhäuser zugewiesen werden, die aufgrund ihrer psychischen und/oder physischen Verfassung nicht eigenständig wohnen können. Unsere Einrichtungen sind aber für ältere Menschen ausgelegt. Es ist dann nicht einfach, eine Struktur für 30-Jährige und auch über 60-jährige Menschen zu schaffen, die allen Bedürfnissen optimal entspricht. Für die jüngere Zielgruppe fehlt derzeit eine neue Angebotsform, die langfristiges betreutes Wohnen ermöglicht, mit dem Ziel, wieder selbstständig zu werden.

Baut die Volkshilfe Wien eigentlich eigene Häuser?

Rauscher: Uns gehören die Häuser nicht, die sind nur angemietet.  Bauträger sind hier soziale Wohnbauträger. Wir haben allerdings bei der Planung Mitspracherechte, so dass die Einrichtungen unseren Bedürfnissen entsprechen.

Neues Projekt

Aktuell plant die Volkshilfe Wien ein neues Projekt: Im Rahmen des Winterpaketes der Stadt Wien wird ab Spätherbst 2017 ein Nächtigerquartier für 100 Personen und eine Wärmestube für 50 Personen betrieben.

Weiterführende Links

Copyright © 2016 Volkshilfe Wien